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Texte & Presse

Kuratorische Texte, Presse und Gespräche.
Simon Rees
Über “Fragments of a Microcosm”, Viadukt Screen Prints, 2026

„… hat Denise Schellmann eine Serie von Drucken geschaffen, die uns das sui generis wissenschaftlicher Erkenntnis in einfühlsamen Händen und die Kraft der Kunst zeigen, das Kleine auf wunderschöne Weise ins Große zu verwandeln.“

Simon Rees

Mit bloßem Auge sieht man, dass das Wasser aus den Wiener Wasserhähnen sauber und klar fließt. Auch der Geschmack ist rein. Dennoch sind alle sechs Monate Wasserkocher, Geschirrspüler und Waschmaschinen in der ganzen Stadt mit Kalk zugesetzt, und die Supermarktregale quellen über vor Produkten zur Entkalkung von Haushaltsgeräten sowie von Oberflächen in Bad und Küche. Es ist ein Paradox à la Xeno, das eine anschauliche Metapher bietet, um ein Phänomen zu beschreiben, das mehr ist, als man auf den ersten Blick sieht, unter anderem in Bezug auf Kunst, schrittweise Veränderung, (Un-)Teilbarkeit und innere Welten. Man denke daran, dass Xeno jener Philosoph war, der die Idee aufstellte, dass etwas umso weiter entfernt ist, je näher wir ihm kommen, da Zeit und Raum unendlich in immer kleinere Abschnitte zerlegt werden können. Die als pharmazeutische Chemikerin ausgebildete Künstlerin Denise Schellmann konzentriert sich mithilfe eines Mikroskops auf die kaum sichtbaren Eigenschaften unseres Wassers, um ihre aufschlussreiche mikrokosmische Vorstellungswelt zu schaffen, die im Viadukt präsentiert wird. Schellmann hat eine Serie von fünfstufigen Siebdrucken/Zeichnungen (die letzte Schicht ist gezeichnet, nicht gedruckt) geschaffen, die auf mikroskopischen Präparaten von Wasser basieren. Sie enthüllt das Innenleben dessen, was uns klar und rein erscheint. Dank des Biologieunterrichts in der Schule, von National Geographic, dem National Geographic Channel und zahllosen Naturdokumentationen wissen wir zwar, dass Wasser voller kleiner Wesen und Partikel ist, tun aber lieber so, als sei es ein durchsichtiges und stabiles Element ohne jegliches Leben. Selbst im Zeitalter von „Darmgesundheit“ und „guten Bakterien“, Themen, die im Internet allgegenwärtig sind und die Seiten von Lifestyle-Beilagen und Magazinen füllen, verdrängen wir jede Vorstellung davon, dass Wasser Lebensraum für zahlreiche Akteure und Organismen ist. Kalzium können wir hingegen nicht ignorieren, wenn wir sehen, wie es unsere Haushaltsgeräte verkalkt … und uns gleichzeitig einreden, dass es gut für uns sei. Im Zeitalter von Veganismus und Laktoseintoleranz (trinkt eigentlich noch irgendjemand vor dem Schlafengehen ein großes Glas kalte Milch?) können wir für diesen kostenlosen Beitrag zur Knochengesundheit vermutlich sogar dankbar sein. Klar. Rein. Kalzium. Puh. Hier kommt Denise Schellmann ins Spiel und übernimmt, wie so viele Künstlerinnen und Künstler vor ihr, die Rolle, unbequeme Wahrheiten sichtbar zu machen, und da ist ihr Bild eines Wurms, der wie ein Stück Steak aussieht; was die Frage aufwirft: Wie viele solcher „Steaks“ haben wir wohl in letzter Zeit verzehrt? Die meisten von uns werden nervös, wenn Kunst, Medizin und Wissenschaft aufeinandertreffen. Nicht ganz ohne Grund. Doch nicht alles, was hier sichtbar wird, ist gleichermaßen verstörend, denn ihre Bilder zeigen auch Mineralkristalle und pflanzliche Strukturen, die im Vergleich dazu relativ harmlos sind und zugleich wunderschön anzusehen. Es gibt Facetten und Sequenzen und liminale Spuren, Formen, die an Edelsteine und Marienkäfer erinnern, sowie sanfte Fleischtöne, die Auge und Seele beruhigen und an jene Bilder anknüpfen, die wir aus der Populärwissenschaft über den äußeren und inneren Raum kennen und die uns die Gleichzeitigkeit des Universellen und des Technologischen vor Augen führen: die Fähigkeit der Menschheit, bildgebende Maschinen zu entwickeln, die unsere Welten erkennbar machen. Auch wenn diese Bilder fragmentarisch sind und als Kunst entstehen, also ohne den Trost der Dialektik von These und Antithese, und sich im Bereich des Fluiden bewegen, hat Denise Schellmann eine Serie von Drucken geschaffen, die uns das sui generis wissenschaftlicher Erkenntnis in einfühlsamen Händen und die Kraft der Kunst zeigen, das Kleine auf wunderschöne Weise ins Große zu verwandeln. Simon Rees

PARNASS  — Esther Hladik
“Denise Schellmann präsentiert im Viadukt,” Ausstellungsbeitrag, 2026.

„Dennoch bildet die Zeichnung das eigentliche Zentrum, in dem analytische Präzision und intuitive Eingriffe ineinandergreifen.“

Esther Hladik, PARNASS

Ganzen Beitrag lesen PARNASS (in German)

Stephanie Sentall
Kunsthistorikerin, Katalogtext, 2016

 

„Die Beschreibung der Arbeitsweise […] erinnert an Cy Twombly. Ihr ‚Köder einer Bedeutung‘, wie Roland Barthes Cy Twomblys Fragmente und Zeichen […] beschreibt, entstammt der Welt der Forschung und Wissenschaft, der Einzeller, Zellmembranen, Spinnfäden oder DNA-Stränge.“

Stephanie Sentall

„An diesem Tage hatte man meine Zellen umgerührt, man hatte sie gerüttelt und geschüttelt, sabotiert und in konvulsivische Zuckungen versetzt.“ [1] Jedes Werkzeug hat seinen Platz. Alles hat seine Ordnung. Die Vielfalt der Materialien lädt zum Versuchen, Verweilen und Probieren ein. In den Arbeitsräumen der Künstlerin spiegelt sich ihr großes Interesse für Kleinstrukturen wider; seien es die Zellen unter ihrem Mikroskop oder die Zeichen unter ihrem Bleistift. Wissenschaft und Kunst verdichten sich im Werk von Denise Schellmann und werden in ihren graphischen Großformaten zu taktilen Spuren und Fragmenten. Ihr Wissen über die Welt des Mikrokosmos bezieht die österreichische Künstlerin und Studentin des Masterstudienlehrgangs „Art & Science“ an der Universität für angewandte Kunst in Wien aus ihrem Doktoratsstudium für medizinische und pharmazeutische Chemie. Forschend beschreibt nur eine Facette ihres Zugangs zur Kunst. Wobei, so die Künstlerin, „[…] die Arbeit im Labor der Arbeit im Atelier gleicht, da [...] ihre Faszination für das Vermehren von neuen Zellstrukturen auf wissenschaftlicher und künstlerischer Ebene“ einer ihrer Antriebe ist. Als „Objektträger“ nutzt die interdisziplinär arbeitende Künstlerin möglichst körniges Papier, immer 160 g/m² von Canson, und statt Pipette und Pinzette sind es weiche Bleistifte von KOH-I-NOOR und, seit ihrer Artist Residency in Singapur 2015, auch Buntstifte von Derwent Coloursoft. Dem Festlegen auf ein erprobtes Material geht ein langer Prozess des wissenschaftlichen Erkundens und intensiven Auslotens der Möglichkeiten voraus. Während in der Forschung jedoch eine konkrete Hypothese geprüft wird, das Ziel klar formuliert ist, entspringen Denise Schellmanns Zeichnungen einem intuitiven Arbeitsprozess. Ganz nach Paul Klees vielzitierter Aussage „eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht“ hat Denise Schellmanns Stift eine eigene Bewegungsfreiheit. Kindliche Neugier treibt sie an, immer wieder in das Mikrouniversum filigraner Striche abzutauchen, zu beobachten, zu probieren, zu analysieren und zu sammeln. Im Unterschied zu Klees Kleinteiligkeit im zeichnerischen Schaffen lebt ihr „Tanz des Bleistifts“ aber von der großen Geste, geführt nicht durch das Handgelenk, sondern vom ganzen Arm. In All-Over-Manier findet sich kein Oben und Unten und der meditativ beginnende Arbeitsprozess gewinnt an Tiefe, Beschleunigung und Dichte, die sich in graphischen Ballungszentren manifestieren. Die Beschreibung der Arbeitsweise, die gekritzelte Technik und der gewebeartige Grundduktus, erinnert an Cy Twombly. Ihr „Köder einer Bedeutung“, wie Roland Barthes Cy Twomblys Fragmente und Zeichen aus der Welt der Literatur, Geschichte und Mythen beschreibt, entstammt der Welt der Forschung und Wissenschaft, der Einzeller, Zellmembranen, Spinnfäden oder DNA-Stränge. In ihrer konsequenten Verwendung und Verschmelzung von Methoden aus beiden Feldern, frei von Regeln oder Normen, lässt sich eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Nikolaus Gansterer ablesen. Auch Jorinde Voigts Übertragung von Phänomenen in Algorithmen aus feinen Bleistiftlinien steht in seiner Akribie dem Werkprozess von Denise Schellmann nahe. Ihre Werke tragen keine Titel, wodurch dem Betrachtenden bewusst Freiräume für eigene Interpretationen offen gelassen werden. Eben jene Freiräume haben auch Denise Schellmanns Werdegang begleitet, die durch die Kritik, die Diskussion und die Anregungen ihres Mentors Loys Egg, wie sie erzählt, Raum gefunden hat, ihr „eigenes Potential zu untersuchen [...] und sich künstlerisch zu entfalten“. Ihre großformatigen Grafiken, ohne Titel, sind Einladung, in das Geschehen einzutauchen und es zu einem eigenen Universum, einer eigenen Erzählung, zusammenzusetzen. Einer Forschungsreise gleich, zieht Denise Schellmann ihr Gegenüber in ihren Kosmos gewollter Imperfektion, ohne wieder loszulassen. [1] Henri Michaux, Unseliges Wunder. Das Meskalin, München/Wien 1986, S. 11.

Ausgewählte Presse

PARNASS  — Esther Hladik, „Denise Schellmann präsentiert im Viadukt“, Ausstellungsbesprechung, 2026.

Ganzen Text lesen PARNASS (in German)

Die Presse  — „Der Schöpfungsprozess im Labor“, Feuilleton, 2013.

Ganzen Text lesen "Die Presse" (in German)

ORF Science  — Wissenschaftsbeitrag, 2018.

Ganzen Text lesen "ORF Science" (in German)

Die Angewandte, Art & Science  — Master-Porträt, 2025.

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Les Nouveaux Riches  — interview, 2020.

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WIEN live  — Stadtmagazin, Porträt, 2025.

Ganzen Text lesen "WIEN live" (in German)

Artemisia (Nina Schedlmayer)  — „Bauen wir das Haus neu!“, Besprechung der Hommage-Ausstellung für Ines Rieder, Galerie Michaela Stock, 2021.

Ganzen Text lesen "Artemisia" (in German)

Videos, Interviews & Podcasts

Trailer: Denise Schellmann 2023 | Einblicke in die Welt junger Künstlerinnen | goes :art channel (interview, camera, cut)

Bewährungsprobe#47 – Artist talk with Denise Schellmann & Julius Werner Chromecek

Denise Schellmann 2020 | Rupert Kasper (camera); Katharina Senn (cut)

Denise Schellmann 2023 | Michael Schellberg (performative communications), Rupert Kasper (camera), Frank Schwiklewski (cut)

Denise Schellmann 2020 | Salon real/virtual | Galerie Michaela Stock | goes :art (camera, cut)

Über die Ausstellung "(YOU) MADE MY DAY.",2021, Denise Schellmann & Rafael Lippuner, Galerie 12-14 contemporary, Christina Jägersberger (camera, cut)

KAP – ein Podcast über Kunst, Kultur, Architektur, Wissenschaft und Forschung

Podcast: Der liebe lange Tag | Wenn das Werkzeug die Führung übernimmt – Ein Gespräch mit Denise Schellmann

KAP – Ein Podcast über Kunst, Kultur, Architektur, Wissenschaft und Forschung

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